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Für einen Freund

Manchmal habe ich Angst, Dinge zu vergessen. Am meisten hab ich Angst, Dinge zu vergessen, die einen Teil meines Lebens begleitet haben. Geschichten, die mir meine Oma erzählt hat. Anekdoten aus der Schule oder dem Studium. Namen, Lieder, Bücher. Ganz schlimm erwischt es mich dann, wenn ein Geschichtenträger sich klammheimlich und zu früh vom Acker macht. Daher nun diese Erinnerung für und von einem Freund.
Das Schönste an der Schule waren immer die Freistunden. Wenn wir das Gefühl hatten, diese Stunden waren nicht zahlreich genug, dann fügten wir aktiv Freistunden hinzu. In diesen Stunden sind wir im Pulk häufig beim Fleischer überm Big Apple in der Plöner Innenstadt ein Brötchen essen gegangen. An einem Tag war ich mit S. alleine ein Brötchen essen, weil die anderen beschlossen haben, die Freistundenzahl nicht auf Kosten des Französischunterrichts zu erhöhen. Als Zeitvertreib spielten wir am Tisch draußen vor dem Fleischer Bauernskat. Es war genau so ein Wetter wie heute. Die Sonne schien und es war sehr warm. Und ebenso wie heute hat es dann plötzlich angefangen zu regnen. Erst waren es nur ein paar dicke Tropfen. Aber anstatt nach drinnen umzuziehen, spielten wir wortlos weiter. Wir taten einfach so, als ob es nicht regnen würde. Keiner von uns machte auch nur Anstalten den Regen zu kommentieren oder auf ihn zu reagieren. Aus den paar Tropfen wurde ziemlich schnell ein Platzregen. Das Wasser stand auf dem Tisch und die Karten lösten sich zu einer breiigen Papiermatsche auf. Keiner von uns sagte ein Wort. Wir spielten einfach so gut es eben ging weiter. Irgendwann guckte S. dann auf seine Uhr und sagte: „Mathe fängt in fünf Minuten an.“ Also standen wir auf, kratzten die Reste der Karten zusammen und gingen nass bis auf die Knochen in den Matheunterricht. Auf die Frage, warum wir so nass seien, erwiderte S. nur: „Weil es regnet.“
Und nun ist er vor einiger Zeit an Lungenkrebs namens Walburga gestorben. Wir hatten uns Jahre nicht gesehen, aber ich erinnere mich an Abende in Kiel, die wir gemeinsam mit Freunden, einer Flasche Gin und einer Flasche Tonic verbrachten. Ich erinnere mich an Hausaufgaben, die ich abschreiben durfte, weil S. wohl das hellste Köpfchen im Jahrgang war. Ich erinnere mich an Loyalität, die er bewies, indem er für einen Mitschüler dichthielt und dafür selber eine 0-Punkte-Klausur kassierte. Ich erinnere mich, dass er zu den Nacktfotos im Stern von Madonna damals sagte, sie sähe aus wie eine Kartoffel. Es gibt einfach Dinge, die man nicht vergessen darf.

Begraben wurde er übrigens in Bergisch Gladbach. Ja, wie wahrscheinlich ist das denn?

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